MIT DUC AUF EINEN ICED LATTE

Ich sitze in einem Café in Berlin Mitte. Mein Handy, Notizbuch und Kugelschreiber liegen auf dem kleinen runden Tisch bereit. Ich bestelle mir an der Theke einen Iced Latte und warte auf Duc. Ich bin fünfzehn Minuten zu früh. Halte Ausschau. Ich bin mir sicher, wenn ich vor dem Café warte, kann ich ihn nicht verfehlen. Ich weiß von seinen Instagram-Bildern, wie er aussieht. Momentan hat er wasserstoffblonde Haare. Es ist ein angenehm warmer Tag für die Jahreszeit. Ich sitze draußen in der Sonne und nippe an meinem Latte. Duc ist pünktlich. Er schaut mich durch die gelb gefärbten Gläser seiner vintage Gucci-Brille an und lächelt. Ich stehe auf, lächle zurück, wir umarmen uns kurz zur Begrüßung. 

Er trägt ein enges, schwarzes T-Shirt, verziert mit einer Spinne aus Strasssteinen auf der Brust. Um den Hals trägt er eine silberne Strasskette mit einem Kreuz als Anhänger. Seine kleine Dior-Handtasche klemmt unter seinem Arm. Durch die weit geschnittene weiße Nadelstreifenhose und den Cowboy Boots wirkt er schlank und androgyn. Seine Hüften sind schmal, das T-Shirt in seine Hose gesteckt. Er wirkt freundlich und aufgeschlossen, was sich im Laufe des Gesprächs bestätigt. Wir gehen zusammen in das Café, stellen uns an die Theke und ich bestelle ihm ebenfalls einen Iced Latte. Neben Duc fühle ich mich uninteressant, ich merke, wie ich mein langes Kleid zurechtrücke und mich an meinen Jutebeutel festklammere. Wir suchen uns einen ruhigen Platz in der hinteren Ecke des Cafés. Wir setzten uns auf zwei Barhocker gegenüber und kommen ins Gespräch.  

Ich sehe mir Duc an. Ich bin fasziniert von seinen Tattoos, er erzählt mir von den Geschichten, die sich hinter ihnen verbergen und wo er sie hat machen lassen. Ich fotografiere die Rose in seiner Handfläche und habe das Gefühl durch die Linse meiner Kamera die Schmerzen zu spüren, die er gespürt haben muss, während der Tätowierer mit der Nadel über die feine Haut seiner inneren Handfläche gestrichen ist. 

Ich hole mein Notizbuch aus meiner Tasche, lege mein Handy auf den Tisch und drücke auf Aufnahme. Duc erzählt von seinem Heimatland. Er kommt gebürtig aus Vietnam, Hanoi. Er ist mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen und direkt nach Berlin gezogen. Hier wohnt er jetzt seit 20 Jahren und fühlt sich als echter Berliner. Nach Vietnam reist er regelmäßig, um seine Familie zu besuchen. Duc reist generell viel und gerne. Er war in den letzten Monaten in Hanoi, Italien und Los Angeles. Er liebt Los Angeles und die Menschen dort. Das ist die Stadt, in der er sich später sieht. Ihm gefällt die Mentalität, die Menschen sind gelassen und offen, nehmen nicht alles zu ernst und sie beschäftigen sich nicht zu sehr mit ihrem Aussehen. In Berlin würden sich die Menschen zu viele Gedanken über ihr Aussehen machen, und das, was die Leute auf der Straße von ihnen denken könnten, sagt Duc. Das gefällt ihm nicht. „Mich faszinieren Leute, die sich selbst gefunden haben und tragen und machen, was sie möchten“, erzählt er. Für mich ist Duc so eine Person. Seine Ausstrahlung, seine Mimik, seine Gestik, sein Stil, alles scheint so, als wüsste er genau, wer er ist und wie er dies seiner Außenwelt zeigt. 

„It’s not possible for a man to be elegant without a touch of femininity.“

Sein Instagram-Account hat mich dazu inspiriert, ihn um ein Gespräch zu bitten. In seiner Biografie steht: „It’s not possible for a man to be elegant without a touch of femininity“. Duc lebt dieses Zitat. Auf meine Frage, was er unter Männlichkeit und Weiblichkeit versteht, antwortet er mit einem leichten Seufzer. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit. Für Duc ist die Suche nach Definitionen längst passé.

Duc erzählt von seiner Schulzeit. Früher war er eher ein Außenseiter, bis er die richtigen Freunde gefunden hat. Seine Freunde sind ihm sehr wichtig. Er ist stolz auf sie, das merkt man, wie er über sie redet, von ihnen erzählt. Seine Freunde sind ihm sehr ähnlich, sehr extravagant, sehr modebewusst, wie aus einer anderen Zeit. Duc will von Menschen umgeben sein, die Dinge umsetzen, machen, worauf sie Lust haben, die nichts auf die Meinung anderer geben und sie selbst sind. Duc will vielleicht auch ein bisschen provozieren, mit weiblichen Attributen spielen, die Blicke der Leute einfangen und durch seine gelben Retro Gläser zurückstarren. 

Ich frage ihn, ob es eine Zeit gegeben hat, in der er sich noch nicht sicher in seiner Haut gefühlt hat. Eine Zeit, in der die Blicke auf der Straße ihm noch weh getan haben. Duc erzählt von einem schleichenden Prozess, der sich mit den Jahren immer weiter entwickelt. Duc will, dass die Leute aufhören, auf andere zu achten und sich endlich mit sich selbst beschäftigen. Das würde allen gut tun und es würde weniger Probleme geben. Er glaubt, wenn man eine gewisse Reife erreicht hat und sich selbst akzeptiert hat, fällt es einem leichter, die Meinung anderer zu überhören. Es sei ein Prozess, sagt Duc und er sei immer noch nicht am Ende. 

 

 

Die Szenischen Bilder des Gesprächs findet ihr hier.

Weitere Bilder findet Ihr auf Duc’s Instagram Account.

Fotomaterial von Duc Dotam.

 

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